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G. E. Lessing - Nathan der Weise

Zeitalter der Aufklärung

(beherrschende Geistesbewegung des 18. Jhdts)

Anfänge:
Reformation und Renaissance

Grundgedanke:
Vernunft als das eigentliche Wesen des Menschen ist allgemeingültiger Maßstab für menschl. Handeln (Patriarch und Tempelritter: "Was wenn christl. Kind von Juden erzogen wird")

Ziele:

  • Auflösung des Absolutismus - Aufhebung des bevormundeten Denkens: Alleinige Erkenntnismöglichkeit des Menschen
  • Vernunft -> Rationalismus
  • Sinne -> Sensualismus
  • Erfahrung -> Empirismus
Religion und Theologie:
  • gegen dogmatische Festlegung
  • gegen kirchl Bevormundung
Weltsicht:
  • Hohe Bewertung der (Natur-) Wissenschaften
  • Fortschrittsglaube
  • Glaube an die Vernunft als Wegbereiter einer menschenwürdigen Welt
Erziehung:
  • Ausdehnung auf alle Schichten
  • Beginn der Erwachsenenbildung
  • Einbeziehung der Frau
Gesellschaft:
  • bürgerliche Kultur tritt neben die höfliche
  • bürgerlicher Moralismus
  • Bildung von Geheimgesellschaften

1783, Kant: "Was ist Aufklärung?"

Definition: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit."

Unmündigkeit: das Unvermögen, seinen Verstand ohne Leitung anderer zu gebrauchen
selbst verschuldet: Ursache nicht mangelnder Verstand, sondern fehlender Mut

-> "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" "Wage zu denken!" (lat.: "Sapere aude!")

Ursachen: Feigheit Faulheit
  Mögliche Forderung nach Revolution Ablehnung von eigener Verantwortung aus Bequemlichkeit
  Bessere, weil vernünftigere Lösung: Evolution des Geistes  

Ziele:

  • autonome Persönlichkeit
  • Pantheismus (Lehre, die Gott und All gleichsetzt)
  • Deismus (Gott ist Schöpfer der Welt, hinsichtl. der Geschichte der Menschen aber untätig)
  • Theismus (Glaube an einen einzigen, außerweltlichen, persönlichen Gott und Weltenschöpfer)
  • Positive Religion (Mathematische Religion ?)
  • Natürliche Religion (Verehrung der Götter in Naturgewalten ?)

Der historische Kontext des Dramas - Die Kreuzzüge

- Züge der abendländischen Christenheit zur Reformierung heiliger Stätten.
- Veranlassung durch das Vordringen der Türken seit 1704.

  1. Kreuzzug 1096 - 1099
    Eroberung Jerusalems durch Gottfried v. Bouillon
  2. Kreuzzug 1147 - 1149
    veranlaßt v. Bernhard v. Clairvaux
    Verlust der Heere des dt. Königs Konrad III und Ludwig XII v. Frankreich
    Folge: schwerer Prestigeverlust des Papsttums
  3. Kreuzzug 1189 - 1192
    gilt der Rückeroberung Jerusalems, das 1187 in die Hände Saladins, Sultan Ägyptens, gefallen war. Endet mit dem Tod Friedrich Barbarossa (1190) und der Einnahme von Akkon durch Richard Löwenherz.
    Während eines dreijährigen Waffenstillstandes erlaubt Saladin die Öffnung für Pilger verschiedener Religionen.
  4. Kinderkreuzzug
    Die Kreuzzüge (insgesamt noch vier) enden 1291 durch die Einnahme von Akkon durch die Mamelucken.
Fazit: Das eigentliche Ziel, die Befreiung Jerusalems, wird nicht erreicht.

Positive Folgen:

  • Erweiterung des abendländischen Weltbildes
  • kulturelle und geistige Anregungen
  • Erweiterung der Handelsbeziehungen

Der Fragmentenstreit

Professor Reimarus, Lehrer für orientalische Sprachen in Hamburg (1694 - 1768)
Lessing findet in seiner Eigenschaft als Bibliothekar "unveröffentlichte" theologische Schriften
Reimarus wendet sich gegen die orthodoxe - protestantische Auslegung der Bibel im Sinne eines aufklärenden Deismus.
Verwerfung des christl. Dogmas: Bibel ist die Offenbarung des göttl. Willens, sondern sie ist von Menschen geschriebenes Werk und daher auch Gegenstand der Vernunftskritik -> Wunder und Heilsgeschichte Jesu dienen nur zur unnötigen Mystifizierung.
In einem solchen NachwoLessing schließt sich teilweise diesen Gedanken an und veröffentlicht sie unter dem Titel "Fragmente eines Unbekannten" und versieht diese Artikel häufig mit Erklärungen und Nachwort.
Dort heißt es: "Kurz: der Buchstabe ist nicht der Geist und die Bibel ist nicht die Religion. Folglich sind Einwürfe gegen den Buchstaben und gegen die Bibel nicht eben auch Einwürfe gegen den Geist und die Religion, denn die Bibel enthält offenbar als zur Religion gehöriges und es ist bloße Hypothese, daß sie in diesem gleich unfehlbar sein müsse, auch war die Religion ehe die Bibel war. Das Christentum war, ehe Evangelisten und Apostel geschrieben hatten.

Pastor Goeze orthodoxer Theologie zu Hamburg - Lessing als Gefahr für Religion: 17. Juli 1778 - Lessing erhält Druckverbot für theolog. Schriften.

Anti - Goeze

positive Religion

  • theistisches Weltbild
  • Offenbarungsglaube
  • Schrift, Gleichnisse, Wunder u.s.w. sind nicht anzuzweifelbare Wahrheiten, Dogmen
  • Absoluter Anspruch: Glaubenswahrheit gleich historische Wahrheit
Orthodoxie
Lessing

Tendenzen Lessing'scher Vorstellung:
  • Unabhängigkeit des religiösen Empfindens von äußeren Zeugnissen
  • gegen jeden Absolutheitsanspruch
  • Erkenntnis Gottes durch die Vernunft
  • Orthopraxie:das Gute und des Guten Willen (s.u. § 85)
  • Phanteistische Vorstellung, kein Glaube an einen persönlichen Gott, aber auch Relativierung Allgemeingültigkeit der Vernunft
  • Vorsehungsglaube
  • Einbindung der menschlichen Freiheit in göttlichen Zusammenhang
natürliche Religion

  • deistisches Weltbild
  • Vernunftsglaube
  • alles was der Vernunft widerspricht wird abgelehnt
  • Erkenntnis Gottes resultiert aus der Schöpfung
  • Glaubenswahrheit gleich Vernunftswahrheit
Aufklärung

§ 85 Nein, sie wird kommen, die Zeit der Vollendung. Da der Mensch, je überzeugter sein Verstand, einer immer bessere Zukunft sich fühlet, von dieser Zukunft gleichwohl Bewegungsgründe zu seinen Handlungen zu erborgen nicht nötig haben wird, da er das Gute tun wird weil es das Gute ist.

Vgl. zu § 85: Kategorischer Imparativ von Kant: Handle immer so, daß die Maxime deiner Handlung zur Grundlage eines allgemeingültigen Gesetz werden kann.

Lessings Nathan - Erlebnis

Die Nathan - Dichtung ist nicht nur die Darstellung eines idealen Menschenbildes, sie ist auch das Resultat einer Lebensphase Lessings, in der er schwere Schicksalsschläge erlitt. Nachdem er seinen religiösen Streit mit der Orthodoxie nicht mehr öffentlich austragen durfte, sah er die Dichtung als einzige Mittel seinen aufklärerischen Gedanken Ausdruck zu verleihen. Nicht zuletzt bedingt durch den verzweifelten Kampf gegen Pastor Goeze ging es Lessing sehr schlecht, er wurde verleumdet, der Ketzerei verdächtigt, litt unter Geldmangel und an persönlicher Krankheit. Das erwartete Kind lebte nur einen einzigen Tag und die Mutter ist so geschwächt, daß sie in Lebensgefahr schwebt. Am 31. Dezember 1777 heißt es in einem Brief:
"Mein lieber Eschenberg, ich ergreife den Augenblick, da meine Frau ganz ohne Besonnenheit liegt. [...] Meine Freude war nur kurz, und ich verlor ihn so ungern, diesen Sohn, denn er hatte so viel Verstand. [...] Glauben sie nicht, daß die wenigen Stunden meiner Vaterschaft mich schon zu so einem Affen von Vater gemacht haben, ich weiß was ich sage, war es nicht Verstand, daß er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon zu machen. [...] Freilich zerrt mir der kleine Wuschelkopf auch die Mutter mitfort, denn noch istz wenig Hoffnung, daß ich sie behalten werde. Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen, aber es ist mir schlecht bekommen."
Am 12. Januar wird Eva Lessing in Wolfenbüttel beigesetzt.

Ethik der Aufklärung von Leipnitz

Ausgehend von der Vorstellung der Welt als ein System von Monaten entwickelt Leipnitz seine Ethik, wobei er voraussetzt, daß der Mensch dem Trieb nach Erkenntnis und pers. Vollkommenheitsstreben besitzt. Verbunden mit einem a prioiri angelegten Streben nach Harmonie entsteht eine Art Nächstenliebe, die darauf ausgerichtet ist, den Mitmenschen zu fördern. Weisheit und Liebe sind demgemäß die höchsten ethischen Tugenden.

Die Exposition

Vorstellung des Ortes, der handelnden Personen, Anlage möglicher Konflikte

 
Nathan
 
Deja

überzeugte Christin gerät in Gewissensnot vor Gott:
"Mein Gewissen muß ich euch sagen läßt sich nicht länger betäuben"
Recha

naive Schwärmerin, Anhängerin des Wunderglaubens:
"Ich habe einen Engel von Angesicht zu Angesicht gesehen."
Derwisch

Schatzmeister des bankrotten Saladin

Konflikte:

  • Tempelherr / Klosterbruder / Patriarch: Konflikt zwischen pers. Ehrgefühl und Demutsgelübte
  • Geldnot Saladins
  • Machtgier des Patriarchen

Gespräch Tempelherr- Nathan II,5

Tempelherr in der Rolle des Vertreters einer Positiven Religion   Nathan in der Rolle des vernunftsbestimmten Aufklärers
Christ
 
Jude
  Spannung  

Schroffe Ablehnung des Dankes durch einseitig aufgebaute Vorurteile Verhalten des Tempelherren als zurückhaltender Edelmut gedeutet.
"Wenn auch nur das Leben einer Jüdin wäre"
"Der reiche Jude war mir nie der bessere"
"Ihr wißt, wie Tempelherren denken sollten."
"... der Vater weit entfernt - Ihr trugt für ihren guten Namen Sorge; Floht ihre Prüfung; floht um nicht zu siegen."
  Hinweis auf die Ordensregeln aufgehoben, nicht die Regeln soll dein Handeln bestimmen, sondern die Erkenntnis, daß "Gute zu tun, weil es das gute ist."
Hinweis auf "hoffentlich" vorhandene Unterschiede.
Vorwurf des "auserwählten" Volkes. 1289
"Ich weiß, daß alle Länder gute Menschen tragen"
Unterschiede für Nathan rein äußerlich und nicht im Wesen: "an Farb, an Kleidung, an Gestalt verschieden"
  Entkräftung des Vorwurfs mit dem Hinweis auf zufällige Religionszugehörigkeit.
Umkehr durch Einsicht:
"Ich schäme mich, Euch einen Augenblick verkannt zu haben"
"Wir haben beide uns unser Volk nicht auserlesen... Was heiß ein Volk?... Ah! Wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt ein Mensch zu heißen!"
-> Ziel der Aufklärung: Einsicht durch Vernunft  

In seiner Schrift "Die Erziehung des Menschengeschlechtes" 1780 entwickelt Lessing folgende Gedanken:
"Entscheidend ist nicht die Frage nach dem rechten Glauben, sondern die, ob im Handeln des Gläubigen allgemeine sittliche Maßstäbe oberstes Gebot sind. Nicht das Wort, sondern die Tat, die Praxis der Nächstenliebe ist demnach z.B. das Kriterium für wahres Christentum. Das Christentum erscheint hier als historisch notwendiges Durchgangsstadium in der Entwicklung der Menschheit, das schließlich durch ein Zeitalter abgelöst werden soll, in dem das Gute nicht mehr aus Furcht vor Gott, sondern unter seiner Selbstwillen getan wird. An die Stelle des christlichen Offenbarungsbegriffs soll dann die Herrschaft der Vernunft treten.
Zitat: "Die Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftwahrheiten ist schlechterdings notwendig, wenn dem menschl. Geschlecht damit geholfen sein soll."

Spinoza zum Pantheismus:
"Gott ist identisch mit der Welt, er manifestiert sich in den Pflanzen ... den Tieren ... aber am herrlichsten manifestiert er sich in den Menschen ... im Menschen kommt die Gottheit um Selbstbewußtsein und solches Selbstbewußtsein offenbart sich wieder durch den Menschen."

Lessings Verhältnis zum Patriotismus

  1. Vielleicht zwar, ist auch der Patriot in mir nicht ganz erstickt, obgleich das Lob eines eifrigen Patrioten nach meiner Denkungsart das allerletzte ist, wonach ich geizen würde:
    Des Patrioten nämlich, der mich vergessen lehrt, daß ich ein Weltenbürger sein sollte.
  2. Ich hatte überhaupt von der Liebe des Vaterlandes keinen Begriff, und sie scheint mir aufs höchste eine ironische Schwachheit, die ich recht gern entbehre.
  3. Es wäre recht sehr zu wünschen, daß es in jedem Staate Männer geben möchte, die über die Vorurteile der Völkerschaft hinweg wären, und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhöret.

Die Ringparabel

  • Quelle für Lessing:
    Boccaccio Decamerone; 1. Tag, 3. Geschichte
  • Anlaß des Erzählens:
    Taktik Nathans gegen Saladins Vorhaben
    "Verdacht, dass er [Saladin] die Wahrheit nur als Falle brauche" (Vers 1878)
1. Teil: Vorgeschichte
"Ein Mann im Osten- Ring mit der Kraft vor Gott und Menschen angesehen zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trug" - Vererbung auf den liebsten "Sohn"
"Vor grauen Jahren", also Vergangenheit
2. Teil: Geschichte
von dem Vater mit den drei Söhnen:
Ein Vater überläßt durch Imitation zweier Ringe jedem seiner Söhne einen Ring.
Folge: "Der rechte Ring war nicht erweislich"
Vorläufige Deutung
"fast so unerweislich uns jtzt der rechte Glauben"
3. Teil: Streitgespräch
Nathan / Saladin:
Auffassung Saladins: Religionen sind deutlich zu unterscheiden
Reaktion Nathans:
"Alle drei gründen auf Geschichte und Überlieferung durch die Vorfahren"
"Logalität der Geschlechterfolge"
"Wessen Treu und Glaube zieht man denn am wenigsten in Zweifel?"
4. Teil: Gerichtsszene
Der Richter will die drei Ringe erproben, die Probe bleibt ohne Erfolg.
"Jeder liebt sich selbst nur am meisten"
Rat des Richters:
Unterstellte Absicht der Imitation gegen die Tyrannei des einen Ringes, und damit Religion
Lessings "Kategorischer Imparativ":
"Ein jeder eifre, seiner von Vorurteilen freien Liebe nach."

Aufforderung zur Toleranz, d.h. der freien Religionsausübung. Urteil liegt in der Zukunft - Erweis geht nur über "gutes Handeln"; nicht das Wort sondern die Tat ist maßgebend (tausend, tausend Jahr)

Fazit: Der rechte Glauben als unendliche Aufgabe der Menschen!

Der echte Ring, d.h. die erste, und damit einzige richtige Religion, ist verloren gegangen, es existieren nur noch drei Kopien, von denen jede gleich echt oder gleich falsch ist. So kann keine der drei Religionen von sich behaupten, sie sei die einzig richtige. Jede ist genauso falsch und schlecht bzw. Echt und gut wie die andere. Jede Religion überläßt dem Menschen eine Verantwortung, die er tragen muß. Diese Last müssen alle Religionszugehörigen tragen, ob Musleme, Juden oder Christen, alle machen ihre Sache gleich gut oder gleich schlecht.

4. Aufzug: Klosterbruder - Patriarch - Tempelherr

Gegensatz von
autonomen Vernunftsbegriff der Aufklärung:
frei und unabhängig sich seines Verstandes zu bedienen.
Vernunftsbegriff der Kirche: Reduzierung der allmächtigen, unbegreiflichen Vernunft Gottes über "Engelsboten" und "Priester" zur Menschenvernunft.
"Ei freilich muß niemand die Vernunft, die Gott ihm gab, zu brauchen unterlassen - wo sie hingehört, gehört sie überall hin."
Vernunft unter der Vorherrschaft der Kirche
Patriarch:

  1. Autorität des Alters gegenüber der Jugend
    Aufforderung zum Gehorsam: "auch ist der Rat doch aufzunehmen"
  2. Vernunft unter der Ausschließlichkeit "das Gesetz von der Herrlichkeit des Himmels zu verkünden."
  3. Theoretische Überlegung (bloße Hypothese, Spielerei des Witzes (=Vernunft !) richten sich nur nach ihrer praktischen Verwendbarkeit im Sinne der Kirche: "Das Menschenleben dient nur dazu, die Allmacht des Herrn / Kirche zu erweisen"
Folge: Verurteilung menschlichen Handelns als Hochmut und Verstoß gegen ein Dogma, das belegt, zu dem "was hat der Jude Gott denn vorzugreifen?" (Eingreifung in göttliche Vorsehung)

Daraus folgt wiederum Intoleranz und Inhumanität: "Tut nichts der Jude wird verbrannt, denn besser ist wer hier in Elend umgekommen, als daß zu seinem ewigen Verderben es so gerettet ward."

Patriarch: Inkarnation kirchl. Machtanspruches über die Herde, kirchl. Wahrheit ist absolute unteilbare Wahrheit.


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